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   Artefakte um Luxor - Relative Altersbestimmungen

 

Das Niltal war zweimal in der Menschheitsgeschichte eine naheliegende Brücke für die Eroberung der Welt durch den Menschen: Vor 2 - 1 Millionen Jahren wanderte der homo erectus aus Äthiopien und Kenia durch das Niltal nordwärts zum Mittelmeer. Vor 1,2 Millionen Jahren erreichte er Java, Indonesien, vor 700 000 Jahren China (Peking-Mensch), vor 500 000 Jahren Heidelberg, Swanscombe, England, vor 400 000 Jahren Schöningen (rote Linien).

Vor 150 000 Jahren wanderte der moderne Mensch wieder aus Mittelafrika durch das Niltal nach Norden und erreichte vor 100 000 Jahren Palästina. Von dort erreichte er vor 50 000 Jahren Australien, vor 50 000 Jahren vielleicht Amerika (Topper-Site http://www.allendale-expedition.net - Scientist:Man in Americas earlier than thought - Nov 17, 2004), vor 40 000 Jahren Mitteleuropa (Vogelherd, grüne Linien)
I. Reflektieren die Abschläge um Luxor (und anderswo) diese Wanderungen?

 


Wanderungswege: rote Linien: homo erectus
grüne Linien moderner Mensch aus Tansania, Äthiopien, Kenia

 

Dank einer Unmenge von oberflächigen Artefakten ist seit längerer Zeit das obere Niltal der Archäologie bekannt. (Auf Vermeerschs Standard-Werk wird in einem eigenen Abschnitt ausführlich eingegangen) Begünstigt wird das Auffinden von Spuren des Menschen im Niltal durch einen "ruhigen" Boden - oberhalb des Überschwemmungsniveaus des Nils - und reichlichen Hornstein (chert) als Rohmaterial aus dem Kalk des Eozäns. 4 aktuelle Fundbearbeitungen des oberen Niltales: 1. Abydos, wo eine amerikanische Gruppe unter der Leitung von McPherron Oberflächenfunde in den steilen und relativ kurzen Wadis vom Tal aufwärts zur High Desert Plateau untersucht (http://www.oldstoneage.com/abydos) 2. Luxor, wo 2001 Datierungen von 2 Acheuleenabschlägen auf 300 000 vor heute durch Christian Schlüchter, Hansjürgen Müller-Beck u.a. erfolgte (Radiocarbon, Vol 43, No 2B, 2001). .

 

(Pierre M Vermeersch:Palaeolithic Living Sites 2000) 3. Isnan als Beispiel für eine Fischersiedlung. 4. Aswan, wo wir auf große Schlagplatze mit Quarzit und Nubischen Sandstein in der Konsistenz von Granit als Rohmaterial des Urmenschen stoßen

 

 

Die höchsten Kliffkanten sind bei der Hebung des großen Limestone-Gebirges im Zusammenhang mit der Bildung des Roten Meeres und der Eintiefung des "Urnils" entstanden. Die auffälligen höheren Geröllterrassen sind wahrscheinlich Ergebnisse von Grundwasser-Austritten (Arvidson et al.:groundwater sapping processes). Bis zum Miozän/Pliozän fand eine stärkere Erosion statt - kolluvial und alluvial. Seitdem ist der Boden relativ "ruhig". Während der feuchten Perioden (der europaischen Eiszeiten) ist mit der Herausbildung der heutigen trockenen Wadis zu rechnen.
Die scharfkantigen Abschläge aus dem älteren Paläolithikum sowie intakte Schlagplätze beweisen, dass die Verlagerungen selbst in den unteren Schuttfächern mit Ausnahme der tiefsten Rinnen der Wadis seit Hunderttausdenden von Jahren gering sein müssen. Die Artefakte befinden sich in den unteren Schuttfächern, den Seitenränder der Wadis und Canyons sowie erstaunlicherweise auch auch in den oft sehr steil abfallenden höheren Geröll-Terrassen..
II. Auf welche Vorgänge lassen sich die dichten Abschlag-Teppiche in den oft unzugänglichen höheren Terrassen zurückführen?

 

 

Schematisierter Querschnitt des westlichen Niltals (Westbanks) bei Luxor (Tal der Königinnen) Überhöhte Darstellung, untertriebene Breite

 

Um einen groben Überblick zu gewinnen, ist eine relative Datierung der Oberflächenfunde nötig. Da alle Zeitperioden seit wahrscheinlich 1 Million Jahren sich unterschiedslos auf der heutigen Oberfläche befinden, ist die Datierung der Artefakte schwierig. Nach dem Zufallsprinzip wurden in 11 Tagen jeweils 7 Kilometer Wüste westlich und östlich des Tals der Könige begangen, sowie in 3 Tagen die Westbanks of Aswan, ohne dass an den Suchgrenzen ein Nachlassen der Fundmassen zu beobachten war. Aus 38 Fundpunkten, davon 12 identifizierbaren intakten Schlagplätze von hoher Dichte oder zuordbaren Abschläge von Kernen (Clusters), wurden jeweils wenige Proben gezogen. Nur in wenigen Fällen handelte es sich bei den Fundpunkten um Einzelfunde. Fundleere Gebiete - über 10 qm Fläche betrachtet - sind selten..
 

Zur zeitlichen Bestimmung der Proben wurde auf "Leitformen" zurückgegriffen, wie sie sich auch in der Literatur vor allem bei Vermeersch findet. Z.B. für das Mittelpaläolithikum auf Nubian Points als eine regionale Sonderform der Levallois-Technologie (Philip Van Peer: The Levallois Reduction Strategy, 2000). Angesichts der Masse von Abschlägen aus dem Acheuleen und Mittelpaläolithikum ist vor allem die definitorische Trennung von einfachen Abschlägen zwischen den beiden Epochen außerhalb von homogenen Schlagplätzen ein Problem (siehe unten). Aus terminologischen Gründen konnte die Analyse der Abfolge spezifischer Reduktionsmethoden nur begrenzt zur Anwendung kommen (Näheres im englischern Text). Aus diesen Gründen ist auch eine ungefähre Abschätzung über das mengenmässige Verhältnis von Älteren zum Mittleren Paläolithikum in der Ebene der Low Desert nicht möglich. Die Jagdstationen auf den Hochterrassen sind eindeutig mittelpaläolithisch.

 

obere Reihe: Nubian 2 point method - Nubian 1 point method untere Reihe: klassischer Levallois-Abschlag - Halfa Methode
Nach van Peer wird die Nubische 1- Point- Methode von allgemeinen Levallois-Abschlägen dadurch unterschieden, dass an dem geplanten oberen Teil des Artefakts 2 parallele Abschläge einen Grat für die zukünftige Spitze erzeugen.

 

Älteres Paläolithikum (Mittleres Acheuleen) 400 000 bis 1 Million Jahre vor heute und älter (Fund 3/1, 7/1)

Links Protofaustkeil aus einem länglichen Nodul, von dessen schmaleren Ende bifaziale Abschläge etwa 1/3 der Rinde beseitigten. 2/3 der Oberfläche ist im proximalen Bereich im Naturzustand geblieben, so dass sich ein geigneter Handgriff ergibt; scharfe Arbeitskanten.
rechts:einseitig zugeschlagenes Chopper (unilateral), ebenfalls aus einem länglichen Nodul. Eine typologische Trennung zu jüngeren Vorformen von Werkzeugen ist nicht möglich.
Tillmann weist in seiner Dissertation darauf hin, dass auch in dynastischer Zeit
Chopper aus Schotterfeuerstein auftreten. Unter Schotterfeuerstein versteht er Gerölle aus der Wüste, die zu den Fundplätzen im Nildelta gebracht wurden. (Andreas Tillmann, Die Steinartefakte des dynastischen Ägypten,dargestellt am Beispiel der Inventare aus Tell el-Daa undQuantir, Tübingen 1992)

 

 



 

Älteres Paläolithikum (Jüngeres Acheuleen) 350 000 - 400 000 Jahre vor heute

(Fund 9/1) "Klassischer Faustkeil" nahezu unverletzt, nur an der Spitze finden sich kleine frische Kanten-Ausbrüche. Einzelfund, rechte glänzende Oberfläche markiert die Liegefläche, während links die stumpfere Seite die Exposition zu kosmogenen Strahlen markiert. Scharfe Kanten, nur die linke Oberfläche weist leichte Windpolitur auf. Doppelt symmetrisch - Aufsicht und Querschnitt - stellen solche Werkzeuge (?) die frühesten Kulturprodukte der Menschheit da

 

 



 

(Älteres) Mittelpaläolithikum 350 - 250 000 - Mittleres Mittelpaläolithikum 200 000 - 150 000 (Funde 9/4 - 8/5) Jüngeres Mittelpaläolithikum - 70 000 vor heute (nach Vermeersch)
 

Die Datierung des Mittelpaläolithikum bleibt kontrovers. Nach meinen Eindrücken über die Funde sollte der zeitliche Anschluss mit dem Jüngeren Acheuleen beachtet werden ("fließender Übergang"). Die kontroversen Lehrmeinungen haben mich auch in der praktischen Arbeit bei der Einordnung der Funde vor Probleme gestellt. Das jüngere Mittelpaläolithikum, das vielleicht dem ersten modernen Menschen in Afrika zugerechnet werden kann, habe ich nicht gefunden.

Oben sind zwei Blattspitzen, die große ist rechtsdistal ausgebrochen. Die großen Blattspitzen wurden nach Benutzung nachgeschärft und reduzierten sich zu kleinen Schneidegeräten ( oben links kleine Blattspitze). Sie können vielleicht dem Mittleren Mittelpaläolithikum und später zugerechnet werden. In Europa zählen sie zum späten Mittelpaläolithikum.
Links unten ein kordialer schmaler Faustkeil, zur ventralen Rinde abgearbeitet

 

 

Die Artefakte sind aus sehr steilen Gelände, Teil eines "Killing field in trap area".

 

Mittelpaläolithikum , Siedlungsplätze der Fallen-Jagdtechnik (siehe eigenen Abschnitt)
 

oben 2 Punische Spitzen(10/2), unten an den Kanten präparierte Kerne (Nubian 1 point method) mit Negativa für Abschläge (9/4-9/2) . Die 1-Spitzen-.Methode beinhaltet, dass der Abschlag im Gegenteil zur 2-Spitzen-Methode nicht sekundär retuschiert wird.

 

 



 

 

Analyseversuch: Übergang Junges Acheuleen - Frühes Mittelpaläolithikum?
 

Wir bedienen uns der ungewöhnlichen Methodik, Übergangprozesse nicht anhand von unterschiedlichen Artefakten innerhalb eines Ensembles darzustellen, sondern an einem Artefakt.

Ein Beispiel des Übergangs vom älteren zum mittleren Paläolithikum könnte der stark braun patinierte größerer Schaber (oder Kern) (dorsal rechts, 7/1) darstellen. Nachdem ein großer Kern mit flächigen Abschlägen vorpräpariert worden war, erfolgte ein harter direkter Trennschlag von einer nichtfacetierten Basis (" einfache" Levalloistechnologie). Durch die Kernpräparation wurde Einfluss auf die Größe des Abschlags genommen, ohne dass wie im Mittelpaläolithikum eine schon stark spezialisierte - genormte - Kernpräparation vor liegt. Wegen dieser Merkmale könnte dieser Artefakt ins Jüngere Acheuleen gestellt werden. Der ventrale Trennabschlag greift allerdings nicht über die gesamte Fläche (Bild unten). Angesichts der ventral von der Kante her retuschierten Fläche könnte man auch von einem Proto-Nubischen-Kern sprechen. Das wäre ein frühes Mmittelpaläolithikum.

 

 

 




 

Apfelsinenscheiben-Technologie - Acheuleen?
 

Der Schaber links könnte ein Werkzeug des jüngeren Acheuleen sein. Hier handelt es sich um eine Art "Apfelsinenscheiben-Technologie". Der gespaltene Rund-Kern wurde scheibchenweise weiter aufgeteilt, wobei der Kortex - also die alte "Schalenaußenfläche" für den Handgriff - stehen blieb. Sodann wurde auf einer Seite mit flächigen Abschlägen von der Kante her der Schaber verdünnt, während der andere Trennabschlag unbehandelt blieb. Ein solcher Geröll-Tpypus "Segment" tritt auch in der Geröllindustrie Kronach auf, der von Zotz noch ins Mittelpaläolithikum, heute aber typologisch ins Acheuleen gestellt werden sollte.

 

 



 

Jungpaläolithikum 15 000 vor heute (Fund 8/8) und 1 Faustkeil aus dem Mittleren Acheuleen.
 

Der auf 50 Quadratmeter begrenzte Pass über eine niedrige Terrasse weist allein 3 verschiedene Epochen auf: Links oben ein "primitiver" Faustkeil des älteren Acheuleen, daneben 1 mittelpaläolithische Spitze; wichtig hier sind aber die kleineren Geräte in der unteren Reihe. 3 cm große Bohrer, trapezförmige kleine Klingen, rückenverstumpfte kleine 3 cm lange Klingen weisen auf das Jungpaläolithikum der Ausgrabung von Makhadma 4 hin (Vermeersch S. 252), . Auch der große flache Schaber oben rechts passt in das Ensemble.

 

 



 

Jungpaläolithikum Periode Sahara-Felsmaler 10 000 vor heute (Fund 3/2)
 

Die Probe eines spätpaläolithischen Schlagplatzes (jüngstes Paläolithikum - Epipaläolithikum nach Vermeersch) konnte dem Ausgang des zweiten Wadis aus dem Gebirge östlich des Tals der Könige entnommen werden. Es liegt eine kontrollierte Klingentechnologie vor. Vom - nicht gefundenen - Kern wurden gerade Klingen mit einem Grat abgespahnt, wahrscheinlich mit einem Zwischenstück. Weil gleiche Klingenabschläge in einer nahen Höhle mit einer typischen Sahara-Felszeichnung der ausgehenden letzten Feuchtperiode verbunden sind, kann der Fund vielleicht auf die Endzeit des Jungpaläolithikums eingegrenzt werden (7/2). Es fehlen aber mehr Felsbilder mit wilden Tieren, um eine sichere Abgrenzung zu jüngeren Perioden mit Haustieren vor zu nehmen, wie es um den 4. Katarakt im Nordsudan der Fall ist (Gdansk Archaeological Museum, African Report, vol. 2, 2003, S. 189). Im Gegensatz zu der Klingenindustrie der späteren dynastischen Zeit sind die Klingen unregelmäßiger - also nicht mit Drucktechnologie hergestellt - und stärker patiniert (sieh Andreas Tillmann, Die Steinartefakte des dynastischen Ägypten, Tübingen 1992)

 

 


Schlussfolgerungen:
 
Es konnten in einer geschätzten Zeitspanne von 1 Million Jahren im gleichen Oberflächenhorizont der Low Desert 5 Perioden formenkundlich unterschieden werden. Schwerpunkt ist dabei die Unterscheidung zwischen Älteren und Mittleren Paläolithikum, deren Abschläge in der Lower Desert Area (Wadi-Ebene) dominieren. Datierung wie formenkundliche Unterscheidung ist in der Archäologie vor allem in den "Übergängen" noch ein Problem. Analytisch lassen sich in mittelpaläolithischen Abschlägen Traditionen des Acheuleen finden (z.B. Levallois-Technologien). Falls Abschläge beide Technologien in sich vereinigen, liegt die Schlussfolgerung nahe, in diesen Abschlägen die (Zeit)Phase eines "kulturellen Übergangs" vom späten Acheuleen zum frühen Mittelpaläolithikum erfasst zu haben. Ein solcher Fall ist oben diskutiert worden. Damit könnten auch indirekt die Phase des frühen Mittelpaläolithikum von dem übrigen Mittelpaläolithikums besser getrennt werden. Es bleibt hier noch einiges zu tun.
Es fehlen die Artefakte der Menschen des Neolithikums, also die Zeit vor der 1. Dynastie der Pharaonen, 9000 - 5000 vor heute, die sich direkt am Nil als Fischer oder Jäger von Wasservögeln und in seinem Überschwemmungsgebiet aufgehalten hat, wo keine Oberflächenfunde greifbar sind. Es fehlt weiterhin die dynastische Zeit, wie sie Tillmann für das Nildelta bearbeitet hat. Wahrscheinlich haben die Steinschläger der Pharaonenzeit das primäre Material aus der Wüste zu den Siedlungsplätzen und Tempeln mitgenommen und dort bearbeitet. So legen es die Funde von F. Debono für die Silexfunde am heiligen See des Karnaktempels nahe (Cah. de Karnak VIII, 1982-85 sondage (1987) .

Vor allem fehlt es aber an identifizierten Spuren des frühen modernen Menschen, also um die große Zeitspanne des älteren Jungpaläolithikums von 70 000 000 - 15 000 vor heute. Ich konnte keine Klingenkerne mit parallelen Negativbahnen, keine Stichel, Endkratzer auflesen, wie dies 60 Kilometer nördlich auf den Höhen von Abydos der amerikanischen Gruppe um McPherron gelang. (Abydos Survey for Prehistoric Sites - Preliminary Report of the 2002-2003 Season)  .

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