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Projekt Östlicher Riesrand

I. Vor 15 Millionen Jahren: Ein 1 Kilometer großer Steinmeteroit kollidiert mit der Erde. Fast ungebremst durchschlägt er die Lufthülle und trifft auf die Oberfläche. Hochtemperierte Schmelze wird mit sehr hoher Geschwindigkeit herausgeschleudert ( sogenannte Jeting) und bis nach Böhmen und die Lausitz als glasige Moldavite verfrachtet.

II. O,O5 - O,1 Sekunden später: Der Meteroit ist so tief wie sein Durchmesser in den Boden eingedrungen. An der Aufschlagstelle verdampft bei Tausenden von Grad Hitze sofort der Steinmeteroit. Eine aus den Explosions-Dämpfen bestehende Eruptionswolke dehnt sich rasch aus und verdrängt die Luft.Gesteinsfragmente - zumeist Kalkgerölle - werden 200 Kilometer weit bis nach St Gallen in der Schweiz geschleudert.

III. Nach 2 - 4 Sekunden: Die Explosion durchdringt alle Deckschichten: Kreide, Jura, Keuper bis zum Grundgebirge, das mehrere Hundert Meter tief unter den Deckschichten liegt. Wo die Hitze sehr hoch ist, verschmelzen die verschiedenen Gestiene zu einem glasigen Material, dem Suevit, das ausgeschleudert wird. Das komprimierte Grundgebirge federt zurück und wirft die nicht aufgeschmolzenen Gesteine in einer durchmischten Gemengelage .aus dem Krater. Die sogeannten Bunten Trümmermassen oder Bunte Breckzie werden in die weitere Umgebung ausgeworfen, bzw. gleiten über den Kraterrand in die nähere Umgebung.

   

Heute noch ist die dramatische Geschichte des Impakts in den Ablagerungen des Rieskraters als Oberflächenrelief nach zu lesen. Der enge zentrale Kreis stellt den ursprünglichen ein paar hundert Meter tiefen zentralen Krater dar, in den Gesteinsmassen aus der Umgebung nachgerutscht sind. Dadurch ist der zweite, der eigentliche Kraterrand entstanden - im Durchmesser rund 20 Kilometer groß. Der Krater ist in den 15 Millionen Jahren seitdem weitgehend mit Sedimenten aufgefüllt worden (Farben: weiß, grau, gelb). Zur Orientierung: rechts unten ist das Donau-Tal als weißer Fleck zu erkennen.

Wer Näheres erfahren will, klicke die Homepage des Rieskrater-Museums an.

 

 

Für unsere Geschichte wichtig ist die bunte Trümmermasse, in der archäologischen Karte rot gezeichnet Während sie im Norden und Westen jenseits des äußeren Kraterrandes abgetragen worden ist - und sich nur als nachrutschende Masse im inneren Kraterbereich erhalten hat - breitet sie sich in großen Überdeckungen südlich und vor allem östlich außerhalb des äußeren Kraterrandes aus, unterbrochen vom Blau des ortsansässigen Jura.
Wie sich jetzt - im Rahmen des Projekts - herausstellt, ist diese Bunte Trümmermasse, also der Auswurf von Kreide- Jura- Keuper- und Granitgestein eine nicht versiegende Material-Quelle für die Geräte der Frühmenschen gewesen.
Warum? Weil die einzigartigen geologischen Bedingungen der Bunten Breckzie zu einem dichten Silex-Teppich geführt haben, aus dessen Rohstoff sich die Frühmenschen von der Altstadtzeit vor hunderttausenden von Jahren bis zum Endneolithikum in der Bronzezeit das Material für ihre Geräte aufbereiten konnten.

 

 

 

In den letzten Jahren sind die Felder im Gebiet untersucht worden. Dabei bin ich inmitten der Bunten Trümmermasse, so benannt weil die Gesteine der Kreide, des Jura, des Keupers und des Grundgebirges - vor allem der harten Hornsteine (Silex) und des verwitterten Bodens -  unterschiedlich bunt gefärbt sind, auf eine hohe Dichte von bisher 180 Fundpunkten gestoßen - manchmal nur wenige oft jedoch auch hunderte von Abschlägen und Geräten, eingebettet in Unmengen von natürlichen Silex-Trümmern.
Es bedarf viel Erfahrung, um mit einem Blick (hier auf den Boden des Fundplatzes 83c) zu entscheiden, handelt es sich um ein mögliches Artefakt - nach dem es sich zu bücken lohnt - oder nur um eine durch den Frost gespaltene ehemals runde Kalotte, wie in diesem Fall.

 

 

 

Der Blick auf den möglichen Abschlag oder gar Werkzeug auf dem Boden kann aber nur den sichtbaren Teil des verdächtigen Objekts erfassen. Deshalb ist es Übung geworden, auch schon bei einem vagen Verdacht den Hornstein aufzuheben und genauer an zu schauen.

Dieses Objekt der Neugierde auf dem Fundplatz 13b entpuppt sich als eine paläolithische - altsteinzeitliche - Spitze, die tief-rot-braun patiniert ist. Vorne Sonne im Hintergrund die hohe Nebelwand über dem Donautal, wie es im Winter bei Hochdruckwetter typisch ist. 

 

 

 

Im Bearbeitungszentrum werden die Funde gewaschen und archiviert. Auf dem Tisch die Kollektion des Schlagplatzes 64c, der im März 2002 auf einer Anhöhe über einem engen Tales gefunden wurde. Typisch für die Kraternähe aber untypisch für auf kleiner Fläche begrenzte Schlagplätze anderswo ist der bunte Silex aus unterschiedlichen Erdepochen. Zur Erläuterung des oberen Bildes: links unten Kerne, links oben der unsortierte Rest. Von oben nach unten: grobe Geräte, Kratzer, klingenartige Schaber, Stichel, Bohrer und sonstige Geräte zumeist mit eindeutigen Schlagmalen (Bulben). Eine Zeitbestimmung ist noch nicht erfolgt. Nur soviel: älter als Neolithikum und Mesolithikum.

 

 

 

Rechts ein Fund 28b vom April 2002 auf 10x10 Meter in einer Mulde. Eine abgebrochene Spitze - oben Mitte -inmitten gröberer Artefakte mit Ausnahme eines porzellanweißen kleinen Abschlags und eines kleinen braun-rötlichen Schabers mit flächiger Retousche.

Kein Zweifel: die Basis der Spitze der Prototyp einer spätneolithischen Spitze mit dem typischen Rindenrest in der Mitte.  Der porzellanfarbene Mikroabschläg könnte  wesentlich älter sein, ebenso die übrigen Silices.

 

 

 

Auf dem Bildlinks oben  ein Unikat (3) eine handgroße Spitze, rechts oben ein hochrückiger Schaber, unten: Ovalschaber, Abschlag mit ausgeprägten Bulbus sowie Spitze. Was die Stücke auszeichnet ist eine tiefe alte braune Patina, von Haarissen durchzogen, eine stark zersetzte Oberfläche sowie eine "primitive" Schlagtechnik. Da wir uns aber an der Grenze der Analysierbarkeit befinden, ist der momentanen Fundstand noch unsicher.

 

 

 

Die selbe Schwierigkeit gilt für die Funde in der Nachbarschaft, am nördlichsten Rand des Suchgebietes: Vergleichsstücke fehlen bisher in Bayern. Risszeitliche Funde sind sehr selten, bei den meisten Stücken ist eine natürliche Entstehung nicht ausgeschlossen.

Im Bild oben links: Plattensilex mit abgeschrägter Kante, rechts: Spitze mit flacher Ventralseite. mittig: Schaber, unten: Pebble sowie ein weiterer Schaber

 

 

 

Die typische Landschaft mit Blick von Süden nach Norden. Ein begradeter Bach im Vordergrund, ein fundleerer Acker - in dieser Gegend eine Seltenheit - und eine Kuppe mit Trockenrasen, auf der sich weißer porzellanglänzender Silex findet - Fundplatz 7. Der Bach liegt auf 450 Meter Höhe und trägt immer Wasser. Es gibt viele Zuläufe, die in Quellen um die 520 Meter Linie austreten und an denen sich Fundplätze finden. Fließende Bäche sind eine Seltenheit auf den Höhen des Schwäbischen oder Fränkischen Juras. In der Bunten Brekzie versickert das Regenwasser nicht in dem schrundigen Kalk von Trockentälern, weil die z.T. tonigverwitterten Auswurfmassen aus dem Keuper das Regenwasser stauen.

 

 

 

Die Höhen bis zu 550 Meter sind häufiger mit Wald bedeckt. Links begleitet eine Buschreihe einen kleinen Bach, in dem jungen Getreide liegt verstreut tiefbraun patinierter Silex, der häufig mit mittelpaläolithischen Artefakten verbunden ist. Am hinteren Waldrand bin ich im April 2002 (Fundplatz 113) auf eine ungewöhnliche Verdichtung von sehr großen Silexbrocken gestoßen, die Negative von Abschlägen aufweisen. Vielleicht sind die Brocken zusammen getragen worden. Warum? - Wir wissen es noch nicht.

 

 

 

Angesichts des  Fundteppichs am Ries. kann es sich   nur um einen Zwischenbericht handeln. Die Suche geht innerhalb des abgesteckten "Claims" weiter,  auch nach Jahren kann von einer "Erschöpfung" der Fundplätze nicht gesprochen werden.  Das hängt auch mit der  Suchtechnik zusammen, die man ironisch Fahrradarchäologie nennen könnte. An einer Stelle - wie hier an der hübschen schwäbischen "Pestkapelle" -  wird das Auto geparkt und dann mit dem Fahrrad die Ränder der Äcker abgefahren. Je nach Jahreszeit, aktuellem Wetter und Fruchtanbau sind die Fundumstände auf den  Böden unterschiedlich. Nur die Äcker werden zu Fuß begangen, wenn deren Krumenbeschaffenheit die Chance auf Funde maximiert.

 

 

Es zeichnet sich eine hohe Fundmasse ab, die mit der Geologie der Bunten Brekzie zusammen hängt. Am Rande des Kraters ist der Boden durch die Verlagerung der ausgeworfenen Massen so zerrüttet worden, dass durch eine entsprechend starke Erosion der eingebettete Hornstein aus dem Gestein heraus gelöst worden ist und sich an der Oberfläche anreicherte - ein unerschößflicher und leicht erreichbarer Rohstoff für die Menschen aller Zeiten. Der große Schock in der Urzeit bot die große Chance für die Urmenschen sich. aus der Bunten Brekzie für ihre Werkstücke nach Belieben zu bedienen. Nicht erst seit dem Silex-Bergbau im Neolithikum haben die Menschen gezielt Konzentrationen von Hornstein aufgesucht.

                                                                                      

 

 

 

Und wo kommt der nächste Meteor nieder? In Calvins Sandkasten oder über New York?
 

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